Die zweitgroesste Stadt Irlands habe ich natuerlich auf meiner Irland-Reise nicht ausgelassen. Doch muss ich wirklich sagen, dass der Empfang nicht allzu herzlich war. Das lag nicht an den Einwohnern, nein, das Wetter war wirklich mies. Da man in Belfast viel weiter vom waermenden Golfstrom weg ist als in Dublin, ist es dort im Durchschnitt rund fuenf Grad kaelter. Zumindest war es das, als ich in Belfast, der "sandigen Furt", ankam. Kalt, Nieselregen den ganzen Tag und tierisch windig...
Ich habe mich deshalb beeilt, meine Tour durch die Innenstadt schnell abzuschliessen. Dazu muss man aber auch sagen, dass die Stadt selbst eher klein ist. Innerhalb von 15 Minuten gelangt man von einem Ende zum anderen. Und ueberall kranker Weihnachtswahn: Selbst Ende

November prangte bereits ein "Happy Christmas" Schriftzug am
Rathaus Belfasts inklusive Tannenbaum in weihnachtlichen Farben. Das Symbol Ulsters, also das des noerdlichen Teil Irlands, prangte ebenfalls ueberall: die
rote Hand. Der Legende nach gab es einst einen Streit zwischen einem ansaessigen Wikingerstamm und einem, der das Land pluendern wollte. Auf einem Boot vor der Kueste soll der Haeuptling des ansaessigen Stammes erklaert haben, derjenige, der zuerst seine Hand auf das Land lege, solle es haben. Daraufhin schlug er seine Hand ab, warf sie an Land und "besiegte" somit die potentiellen Eroberer. Soviel zur Legende.
Ausserdem sind in Belfast noch der "kleine Big Ben", ein Uhrenturm, der dem Big Ben nicht unaehnlich ist, sehenswert, sowie Samson und Goliath, die zweit- und drittgroessten Kraene der Welt auf dem Gelaende der Harland und Wolff Werften, die am Beginn des 20ten Jahrhunderts die Titanic bauten und im zweiten Weltkrieg als Bauplatz fuer englische Schiffe von deutschen Flugzeugen bombardiert wurden.
Um mir die ehemals unversoehnlichen Arbeiterviertel im Westen der Stadt anzusehen, habe ich mir eine "
Black Cap Tour" organisiert. Auf diesen F

ahrten erklaeren einheimische Fuehrer die Gegend und vor allem die zahlreichen Wandbilder, Murals genannt, der Gegend. Zwar gibt es auch Bilder zu allgemeinen politischen Themen, meist sind aber Opfer des protestantisch-katholischen Konfliktes, "
Troubles" genannt, abgebildet. Dieser Konflikt nahm vor 350 Jahren seinen Anfang, als Oliver Cromwell, der englische Tyrann, die "Plantations" durchsetzte. Dadurch wurden die katholischen Landwirte vom fruchtbaren Boden im Norden vertrieben, auf dem sich protestantische Landwirte aus England niederliessen. Die ohnehin schon angespannte Versorgungslage Irlands (1850 starben bei der "Famine", mehreren Kartoffelmissernten, ueber eine Million Iren an Hunger) schuf damit den Konflikt zwischen den beiden Religionen, bei dem die Konfession selbst zur Manifestation des Irland-England Konfliktes und des ewigen Funken am Pulverfass, der
Irlandfrage (Vereinigtes Irland (Nationalists) oder Nordirland weiterhin im Vereinigten Koenigreich (Unionists) ) geworden ist.
Zurueck zu den Wandbildern: Obwohl die Regierung an sich gegen diese Bilder ist, kann sie nicht viel dagegen unternehmen: die Viertel sind immer noch stark von den jeweiligen Gruppen kontrolliert. Auf der Shankill ("alte Kirche") Road, dem
Viertel der Katholiken, trifft man auf Darstellungen von irischen Maertyrern, die fuer die Freiheit Irlands ihr Leben gaben, Bilder, die an getoetete Zivilisten erinnern sollen und IRA-Schriftzuege. Denn obwohl seit 1994 der "Peace Process" in Gange ist, und die IRA ihre Waffen abgegeben hat, ist sie noch lange nicht weg vom Fenster. Der politische Arm der IRA, Sinn Féin ("wir selbst"), ist eine der staerksten Parteien in Irland, und obwohl es zum Glueck keine Bombenopfer der IRA mehr zu beklagen gibt (seit Beginn der Unruhen starben in Nordirland ueber 3 000 Menschen), explodieren immer noch Bomben in Geschaeften um Mitternacht. Auf diese Art und Weise stirbt niemand, das Geschaeft ist aber trotzdem zerstoert. Die letzte dieser Bomber war gerade erst 48 Stunden vor meinem Besuch explodiert.
Nach dem katholischen Viertel passierte mein Fahrer die "
Peace Line", ein System aus Mauern, Zaeunen und Toren, das sich quer durch West-Belfast zieht, um die Katholiken von den Protestanten zu trennen. Zehn Tore gibt es, die bei Sonnenaufgang oeffnen und bei Sonnenuntergang schliessen, und nur eines davon oeffnet ueberhaupt am Wochenende. Ein riesieges Zaunsystem, Stahlkaefige an Schulen, um geworfene Steine abzufangen, Ueberwachungskameras ueberall - ich hatte gedacht, sowas gaebe es in unserer Zeit nur noch an der Grenze von Jerusalem und Palestina. Wer also in das jeweils andersglaeubige Viertel hinueber will, muss sich entweder an die Oeffnungszeiten halten oder einen Umweg ueber das City Center waehlen. Zwar arbeiten auch Katholiken im protestantischen Viertel und andersherum, aber sie sozialisieren sich dort nicht - keine andersglaeubigen Freunde, Verwandten, Liebschaften.
Auf der Falls Road, dem
protestantischen Viertel, konnte man dann die Darstellung der Ereignisse aus der Sicht der Anderen begutachten. Darstellungen maskierter Armeemaenner,

die die Unruhen in der Stadt bekaempften, Bilder der Queen und in den englischen Nationalfarben (rot, weiss, blau) angestrichene Laternenpfaehle und Bordsteine. Nach 90 Minuten war die sehr beeindruckende Fahrt in dem roten (!) Taxi zuende. Nach einem kleinen Spaziergang durch das Universitaetsviertel (ist ja auch nicht mehr lange fuer mich bis das Pauken wieder los geht) und die Botanischen Gaerten habe ich dann am Abend ein Pint meines Lieblingsbiers, Bulmers, im beruehmtesten
Pub Belfast, dem Crown Liquor Saloon, genossen. Da Nordirland zum Vereinigten Koenigreich gehoert, hiess es dort Magners, und ich musste mit Pfund bezahlen. Wie die Englaender mit dieser Waehrung klarkommen, ist mir schleierhaft: Vollkommen unfoermige Muenzen, von denen die groessten am wenigsten wert sind, und total mit Farbe ueberladene Geldscheine, die nur das Queen-Portrait vom Monopoly-Geld unterscheidet...