Wer haette das gedacht - der Winter war da. Zwar nur kurz und richtig auch nur ausserhalb der Stadt, aber immerhin. Ich hatte mich ja die ganze Zeit ueber den ewigen Herbst hier in Irland gefreut, und dann das. Da komm ich morgens um halb sieben (zwecks Fruehschicht) aus dem Hostel und sehe, dass die Wasserpfuetze, die sonst jeden Morgen auf dem Buergersteig auf dem Weg zum Bus vor sich hin duempelt, zu einer kleinen Eisflaeche geworden ist. Ich hatte zwar schon die Eiseskaelte bemerkt, aber mit
Eis in Irland war ich dann doch ueberfordert. Das waren auch die Iren - und zwar voellig. Ich habe Kinder gesehen, du um einen leichten weissen Flaum auf dem Rasen herum standen (was'n das? Kann man das essen? Und wo kommt das her?), Stadtangestellte, die statt Sand irgendeine komische Muttererde auf den Gehwegen verteilt haben (ich wette, naechste Woche waechst da was) und Autofahrer, die mit den veraenderten Strassenverhaeltnissen nicht Schritt halten konnten. Daran scheiterten auch etliche Fussgaenger.

Die Eiseskaelte wich aber schnell wieder dem irischen Dauerherbst. Im Moment haben wir wieder nette 11 Grad, und seit eineinhalb Wochen scheint hier in Cork durchgehend die Sonne... unfassbar. Durch die Fruehschicht komme ich dann auch immer noch im Hellen nach Hause und kann den Sonnenschein noch geniessen. Apros pros Fruehschicht: Als ich gestern im Bus auf dem Weg zum Apple HQ war, bot sich mir ein fantastisches Schauspiel. Da Apple ja auf einem Huegel gelegen ist, konnte ich bewundern, wie ueber meinem kleinen Staedtchen langsam
die Sonne aufging. Da ich an diesem Tag auch noch Ueberstunden geschoben habe (her mit der Knete), habe ich auch gleich noch beim Feierabend den Sonnenuntergang erlebt. Ist schon komisch, wenn man im Morgengrauen zur Arbeit geht und in der Daemmerung wieder nach Hause kommt. Ansonsten laeuft es aber im Moment ziemlich gut bei Apple, habe zwischenzeitlich schon wieder etwas gewonnen und bin auch auf der Statistik ziemlich weit oben mit dabei. In der letzten Woche haben wir es sogar geschafft, eine Wette gegen unseren Vizechef Jason zu gewinnen. Er war sich derartig sicher, dass wir einen bestimmten Umsatzprozentsatz nicht knacken wuerden, dass er als Wetteinsatz anbot, sich als
Borat zu verkleiden, und das ganze auch noch im Trikot seiner Rivalenmannschaft. Als Strafe hat er uns dann in Verkleidung Fruehstueck serviert...

Die letzten drei Wochen laufen jetzt, und so langsam naehere ich mich auch der Zwei-Monats-Grenze hier bei Apple. Und so allmaehlich findet man heraus, mit welchen Leuten aus welchem Land man am Telefon am ehesten auskommt. Es mag einfach daran liegen, dass ich es gewohnt bin, aber mit Kunden aus der noerdlichen Haelfte Deutschlands habe ich die wenigsten Probleme. Je weiter suedlich man dann kommt, desto haariger wirds. Quer durch Deutschland ist eigentlich alles ertraeglich - selbst mit hessisch komme ich zurecht. Sobald es dann aber an die Schwaben und Bayern geht, scheint die Kultur eine andere zu werden. Gleich schlecht gelaunt, immer wenig Zeit, nie mehr erzaehlen als unbedingt noetig, und Daten herausgeben ist immer wieder eine Tortur. Die Schweizer nuscheln zwar vor sich hin, die kann man aber wenigstens noch bitten, Hochdeutsch zu sprechen - komm damit mal einem
Oesterreicher. Die habe ich wirklich gefressen - von wuesten Verbalausbruechen, unverstaendlichen Herumgebrabbel und kruden Weltansichten kann ich wirklich ein Liedchen singen. Die Oesis setzen wirklich allem die Krone auf - da ueben einige Apple-Boykott, wenn es keine Zahlungsmethode ihrer Wahl gibt, und erzaehlen dann von der Unmoeglichkeit, die Apple an den Tag legen wuerde. Ihrer Meinung nach zaehlt ja auch die Aussage, sie wuerden dann eben kein Apple-Produkt kaufen - als ob Apple das bei den Millionenumsaetzen kratzen wuerde. Ueberhaupt, dieses
"Kunde Sein" (Nuhr ein Zitat) - das scheint in letzter Zeit ausgebrochen zu sein. Die unmoeglichsten Sachen verlangen (
ich hatte gerne die Gumminoeppel an meinen Ohrhoehrern ersetzt, die ich bei Media Markt gekauft habe) und sie dann auch bekommen wollen (von wegen
"sonst stehen sie morgen in der Zeitung" - oha...). Vor allem aber der Glaube, selbst wenn man sich wie der letzte Voll-Assi auffuehrt, muesse man noch freundlich und zuvorkommend behandelt werden, setzt dem Ganzen die Krone auf. Ich habe Leuten zugehoert, die meinen, bei der Oeffentlichkeitsabteilung gut aufgehoben zu sein, weil wir nicht mehr die Zahlweise per Rechnung anbieten. Schoen, dass noch einige Leute festen Glauben haben, etwas bewirken zu koennen..

Zum Glueck hatte ich immer wieder am Wochenende die Gelegenheit, mich von der Arbeit beim Reisen zu erholen. Nach Limerick war die naechste Stadt der Wahl
Waterford. Im neunten Jahrhundert von den Wikingern erbaut, ist Waterford die aelteste Stadt Irlands - und besitzt in der Innenstadt immer noch die dreieckige Form der ersten Siedlung. Die alte Stadtmauer ist an einigen Stellen auch immer noch erhalten - obwohl man manchmal versteckte Parkplaetze oder Hinterhoefe aufsuchen muss, um sie zu finden. Suchen heisst es da. Beschweren gilt nicht. Der wahrscheinlich beste Platz, um einen Einblick in die Stadtgeschichte zu erhalten, ist der
Reginald's Tower. Diesen alten Wachturm kann man in sehr engen Wendeltreppen (mein armer Kopf) ersteigen, Ausstellungsstuecke betrachten und den Werdegang der Stadt in bewegten Bildern betrachten. Hier habe ich auch erfahren, dass unser bekannter Koenig
Johann Ohneland Waterford des oefteren einen Besuch abstattete - der laeuft mir aber auch staendig ueber den Weg. Am Flussufer habe ich mir die schoene Landschaft und Vegetation angesehen und war sehr ueberrascht, wie schnell in Irland das Wetter umschwingen kann. Kaum war ich nass geworden, schien auch schon wieder die Sonne, nur um sich dann von einem wahrhaft eisigen Wind abloesen zu lassen.
Die groesste Neuerung gegenueber Limerick war aber, dass sich in der Stadt selbst ein sehr nettes
Kino befand - ich gehe in letzter Zeit gern ins Kino. Ueber
The Departed hatte ich ja schon im Oktober berichtet, zu
Casino Royale im Dezember muss ich ja nicht mehr viel sagen. In Waterford habe ich mir
Eragon angesehen - ein netter kleiner Film, wenn auch hemmungslos aus
Herr der Ringe,
Harry Potter und
Star Wars zusammengeklaut, sodass man unweigerlich der Meinung ist, alles irgendwie irgendwo schon mal gesehen zu haben. Sehr gut gefallen hat mir dagegen
Babel, den ich mir in Cork angesehen habe - es geht vorrangig um die Hilflosigkeit, in die man geraet, sobald man aus seinem gewohnten Umfeld und Sprache herausgerissen wird, meisterhaft verdeutlicht durch
Brad Pitt und
Cate Blanchett als amerikanisches Ehepaar, die in der Wueste Marokkos angeschossen werden, und mit den oertlichen Medizinstandarts und Sprachproblemen zu kaempfen haben. Aber auch Tokyo aus der Sichtweise einer Taubstummen war beeindruckend.

Waterford
habe ich mir in der darauffolgenden Woche gleich noch einmal angesehen, und zwar als Zwischenstation auf dem Weg nach
New Ross. In diesem kleinen Staedtchen startete eines der beruehmten
Coffin Ships, also der voellig ueberladenen Schiffe mit Elendsfluechtlingen, die dem Hungertod in Irland zu entkommen versuchten. An Bord der Nachbildung der SS Dunbrody, die uebrigens Segeltuechtig ist, wurde die Geschichte der irischen Fluechtlinge sowie der Besatzung wirklich interessant dargestellt. Der Knueller folgte allerdings darauf, als ich mir im Cafe des Besucherzentrums eine heisse Schokolade genehmigte, und ein paar aeltere Iren ploetzlich Instrumente auspackten und drauflos spielten - wie sich herausstellte, war das eine kleine Band aus New Ross, die sogar Cds produzieren. Ich war natuerlich sofort interessiert, hab mich mit den Iren unterhalten und die Musik bis in den Abend genossen. Obwohl das Cafe schon zu war, durfte ich laenger bleiben. Ich mag die Iren.

Dass nicht alles eitel Sonnenschein sein kann, haette ich eigentlich vorher wissen muessen, den auf dem Rueckweg blieb unser Bus liegen - Ueberhitzung nur 20 Minuten ausserhalb von Cork. Eine Stunde durfte ich dann auf den Ersatzbus warten, der mich dann nach Cork gebracht hat - aergerlich, aber zum Glueck konnte ich mir ja mit den drei Fragezeichen die Zeit vertreiben. Danach hiess es dann: Back to Cork, back to Business. Eine Kleinigkeit hat sich allerdings geaendert: Nach fuenfeinhalb Monaten habe ich es endlich geschafft: ich wohne in meinem Doppelzimmer in Hostel mit einem
echten Iren zusammen! Alan, 24, kommt aus der Naehe von Dublin und ist gerade am Reisen. Als naechstes Ziel hat er Deutschland im Visier - weshalb er gerade Deutsch lernt. Ein wenig helfe ich ihm da, vor allem weil ich nun endlich mal ein wenig Irisch lernen kann.... :)